Interview mit Designerin und Fotografin Miriam Schmalen

Mit dieser Interview-Reihe, in der es einen festgelegten Frage-Katalog gibt, der aber manchmal eine Frage weglässt, hinzufügt oder abändert, möchte ich euch tolle Persönlichkeiten rund um den Design-Bereich vorstellen. Den Anfang macht Miriam Schmalen.
Das Interview mit Miriam erfreute mein Herzchen. Es ist ehrlich, charmant und gefüllt mit Komplimenten für andere Menschen. Miriam ist eine Power-Frau mit vielen Ideen und dem Herzen am rechten Fleck! Sie ist Studentin, Designern, Fotografin, Weltenbummlerin und eine tolle Persönlichkeit zu gleich – viel zu tun würde ich sagen! In ihren Arbeiten steckt eine Menge Herzblut und das sieht man diesen auch an. Ich bin begeistert. Wer sich selbst von Miriam und ihren Arbeiten überzeugen möchte, der liest am besten weiter. Sie verrät auch schon, also genau aufpassen, wer die nächste Interview-Partnerin sein wird. Viel Spaß.

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Wie geht es dir?
Sehr gut, danke der Nachfrage liebe Meike. Erstens habe ich diesen Fragebogen aus einer sehr sonnigen und lieben Mail welche mich freudig stimmt und zweitens bin ich gerade in einer unheimlich wertvollen Phase meines Lebens. Ich wohne zur Zeit in Ungarn, Budapest, und mache Erasmus, dies werde ich ausweiten auf ein weiters Jahr da es mir hier so gut gefällt.

Erzähl uns doch erstmal wer du bist und was du so machst? Ob du noch studierst oder was du studiert hast, etc.?
Sprung zurück – ich bin Miriam, geboren in Aachen und Designerin und Fotografin. Ich würde noch einige andere Berufsfelder nennen können in denen ich wirke (Social Design & Stadtentwicklung, Bildung & Workshops und andere Schnittstellen zwischen verschiedenen Branchen) aber ich reduziere es meist auf diese zwei Schlagworte. Ich bin ein sehr aktiver und offener Mensch und habe mich mental nie auf einen Beruf festgelegt – war immer schon engagiert und voller Tatendrang – daher konnte ich einen sehr interessanten Weg gehen und viele Erfahrungen sammeln: beflügelnde wie anstrengende. Die negativen Erfahrungen bringen einen meist am weitesten.

Zu welchem Zeitpunkt wusstet du „Das muss ich unbedingt werden/machen“ und war es schon immer dein Wunsch das zu tun was du gerade machst oder wolltest du als kleines Mädchen etwas anderes werden? Wie war dein Weg bis dahin?
Ich hatte eine wilde Jugend. Ich war schon immer interessiert an Farben und Formen und deren Zusammenspiel – ich bin ein sensibler und ästhetikaffiner Mensch. Nach einigen Jahren des wilden Lebens (bin mit 15 Jahren zuhause ausgezogen) ist dann auch schnell die Vernunft eingekehrt und irgendwann mit 22 dann auch der enorme Ehrgeiz. Da hätten meine Lehrer am Gymnasium nur von geträumt. Ich bin in der 13.1, kurz vor den Endprüfungen, sitzen geblieben und habe mit miesem Fachabi abgeschlossen – war jedoch bisher nie ein Problem. Kurzfassung: Fachabi, Ausbildung, Festanstellung Verlagswesen (vier Jahre), nebenbei Selbständigkeit (Designnetzwerk lovinwayne) aufgebaut – 2010 voll in die Selbständigkeit gewechselt und dann nochmal den Anspruch auf Input und gestalterische Weiterentwicklung gehabt. Ich wollte mich gerade konzeptuell entwickeln, nicht nur hübsch machen sondern funktionsorientiert arbeiten. Kommunikationsdesign ist genau mein Ding:  Ästhetik einen Sinn geben. Mit 19 Jahren habe ich begonnen im Werk- und Bildungszentrum Bleiberger Fabrik zu arbeiten, da mir das soziale, zwischenmenschliche auch immer wichtig war – ich habe bis zu meiner „Auswanderung“ in verschiedenen Schulen Fotografie unterrichtet – teilweise mit der romantischen Intention meine Leidenschaft weiter zu vermitteln und kleine Feuer zu entfachen. Manchmal hat es geklappt – ich hoffe es zumindest. Ausserdem arbeite ich mit Neusynn (einer Formation entstehend aus einer meiner Stipendien) in Bereich „Soziale Stadt“. Wen es interessiert, einfach mal NEUSYNN googeln. Man merkt: Ich mache viel und es ist schwer alles kompakt zu vermitteln.

TOKI – die soziale Revolution klick

Was hat sich dadurch in deinem Leben in den letzten fuenf bis zehn Jahren verändert? Wie bist du früher an die Dinge heran gegangen und wie heute?
Ein lieber Freund und Kollege hat mir vor drei Jahren Einblicke in das Studium gewährt – das hat mich sehr gelockt. Besser hätte sich mein beruflicher Werdegang nicht aufbauen können. Durch das Berufsleben bin ich viel Arbeiten und Verantwortung zu tragen gewohnt. Ich ging mit einer stabilen Basis an Erfahrungen in die Selbständigkeit. Der Einstieg in das Studium war ein toller Wendepunkt, ich weiß es unheimlich zu schätzen mich so spielerisch ausprobieren zu können …

Gibt es Parallelen zwischen dem was du heute tust und dem was du damals gemacht hast? Oder sind es von Grund auf verschiedene Dinge?
Damals habe ich die Basics der Programme, des Schriftssatzes/Typo und Fotografie erlernt. Vielleicht waren die wichtigsten Lernerfolge aber eher: arbeiten unter einem Chef, harte Kritik weg stecken, Verantwortung tragen, sich unterordnen lernen aber auch für sich einstehen. Meine Designskills sind während des Studiums gewachsen. Fotografisch ist sehr viel passiert und die Entwicklung läuft auch hier am MOME in Budapest rasant weiter. Teilweise leidig und emotional aber unheimlich wertvoll.

Was bedeutet dir deine Arbeit und wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Ohje, hättest du mich nicht vor vier Monaten als ich noch in Aachen war fragen können? Ich genieße und schweige, wird sich auch wieder ändern. Erasmus und Stipendien ermöglichen mir hier ein überaus angenehmes Leben.

Kannst du von dem Leben was du gerade machst? Hast du überhaupt noch Freizeit? Wenn ja, wie beschäftigst du dich so in deiner Freizeit?
Gerade habe ich viel Zeit zu entdecken und zu erleben – ist ja auch ein Bestandteil einer beruflichen Entwicklung. Ich gehe fast jeden Tag auf Symposien, in Ausstellungen oder tausche mich mit Kreativen aus. Natürlich lässt mich mein Ehrgeiz und mein brennendes Interesse auch hier nicht kalt – ich arbeite schon beharrlich für die Uni. In Aachen war meine Woche etwa so strukturiert: 25 Stunden Uni, 10 Stunden Hiwi, 20 Stunden Selbständigkeit. Nein, es war für mich keine 55 Stunden Woche,  denn Uni ist für mich Freizeit, Selbstverwirklichung. Da ich meine Arbeit liebe und oft auch mit Freunden teamworke ist das alles gut tragbar. Ich habe aber auch gelernt zurück zu schrauben, teilweise war mein Workload schon ungesund aber: von nix kommt nix. Sonst esse ich unheimlich gerne, trinke Wein, gehe auf Ausstellungen, wandern oder radel. Ja, und das Reisen – das ist mir sehr wichtig. Wenn ich mir etwas gönne, buche ich einen Flug – kommt öfters vor.

Mit wem würdest du wahnsinnig gerne mal zusammen arbeiten?
Ich streife viel über Blogs, gehe in Ausstellungen – es gibt so viele verschiedene begabte Menschen. Auch außerhalb des Designbereiches, tolle Persönlichkeiten mit viel Tiefe und interessanten Geschichten. Ich mag Menschen, ich mache oft positive Erfahrungen mit dieser Spezies. Ich habe einige grandiose Arbeitspartner mit welchen ich eine kostbare Ebene des Austauschs gefunden habe. Noch ein Grund glücklich zu sein?!

Wer beeinflusst dich oder was inspiriert dich? Und was möchtest gerne einmal ausprobieren?
Alles um mich herum. Jeder nimmt auf, verarbeitet und gibt es mit seinem persönlichen „branding“ wieder aus. Ich hole mir viel Inspiration, aus allem was mich im Leben umgibt. Ausprobieren möchte ich noch viel, teilweise bin ich gehemmt und rational. Der Gedanke der Funktion kann auch blockieren. Davon lerne ich hier an meiner neuen Uni ab zu lassen. Kopf zu und freier aus dem Bauch. Teilweise ist das beste Werkzeug ja doch die menschliche Intuition, mehr auf sein Gespür zu hören.

Ist man jemals zu alt um etwas Neues auszuprobieren?
Nein, ich bin 29 Jahre alt – eher die Granny zwischen meinen Kommilitonen aber frei in meinem Köpfchen und daher: who cares. Es kann nie schlecht sein wenn man das macht was einem wichtig für sein Leben erscheint und ich bin meinen Wünschen und Bedürfnissen doch sehr aufmerksam gegenüber.

Da wir bei unserem Blog auch über Mode berichten und du viel zur Fashion-Fotografie beigetragen hast – Wie sieht dein Stil aus? Auf was achtest du? Wie würdest du deinen Look beschreiben?
Hui, die Passage lasse ich etwas kürzer ausfallen. Dieser Teil der Fotografie war ein sehr wichtiger Teil für mich persönlich. Mein fotografischer Werdegang (beruflich) ist aber gerade einfach nicht so präsent und im Wandel. Mein Ziel vor vier Jahren, in meinen Anfängen, war es Fotografie auf einem technisch und gestalterische optimalen Niveau zu erlernen – dies ist die Basis. Kontrolle über das Licht, eine gekonnte Inszenierung, eine dezente und saubere Retusche. Danach folgen höhere Fähigkeiten welche  eine Fotografie gut machen, ihr ein Alleinstellungsmerkmal geben: Kreativität. Punkt eins habe ich für einen Autodidakt wirklich gut gemeistert, an Punkt zwei werde ich nie aufhören zu arbeiten. Aber da einige Fotografen Punkt eins überspringen hatten meine Fotos ganz gute Chancen.
Ich bin tollen Menschen begegnet und habe kaum schlechte Erfahrungen gemacht in einer doch sehr oberflächlich anmutenden Branche. Für mich war dieser Bereich der Fotografie ein tolles Sprungbrett und eine schöne Erfahrung. Ich konnte mit großen Talenten arbeiten und hatte einige internationale Veröffentlichungen, tolles Gefühl. Ich gedenke jedoch, mit meiner Kamera, mehr zu bewirken als einige hübsche Menschen in ein übermenschliches perfektes Licht zu rücken. Am schönsten waren am Ende doch die privaten Sessions mit lieb gewonnen Modellen, zum Beispiel mit Pipa Peschi. Ich würde sie, nach drei bis vier Jahren und all unseren verrückten Selfmade-Shootings, als Freundin bezeichnen.

Shooting mit Pipa Peschi klick

Hey Pipa, die Budapester Vintageshops rufen!

Was hast du immer dabei? Was darf nie zu Hause liegen bleiben?
Traurig aber wahr: mein Smartphone. Ich habe jedoch hier in Ungarn gemerkt (ohne Handyvertrag) zum Großteil mehr um Musik  zu hören oder um zu fotografieren. Ich dokumentiere seid einem Jahr meine Reisen (New York, Istanbul, Budapest und Balkan) mit dem Handy. Funktioniert großartig. Mein ungarisches Prof liebt es. Das sind einfach pure und unverfälschte Bilder. Um Emotionen und Momente zu transportieren bedarf es nicht an hochwertiger Technik sondern am Erkennen eines magischen Augenblicks und der Inszenierung durch Komposition. Teilweise macht das reduzierte einer Handykamera (fehlende Tiefenunschärfe, Festbrennweite, Rauschen) ein authentischeres Bild. Ich liebe es clean aber mag auch das scheinbar fehlerhafte, es muss halt passend eingesetzt werden. Zu dem morbiden Budapest passt das Handy oder meine Analogkamera viel besser als High-End Fotografien.

Reisen

Was ist deine liebste Kindheitserinnerung?
Ich war als Kind ein wahrer Sonnenschein, ein Naturkind vom Dorf mit ganz viel Freiheiten und einer tollen Förderung (danke Eltern). Es gibt da so manches Matschloch, den Ponyrücken oder heimliche TV-Session auf dem Dachboden an die ich mich gerne schmunzelnd erinnere.

Was ist deine Lieblingsstadt?
BUDAPEST – absolut. Ich war wirklich schon in vielen Städten aber Budapest ist episch!

Was machst dich glücklich und was unglücklich?
Ich habe viele alltägliche Sachen sehr schätzen gelernt, gerade weil einiges an meiner Seite teilweise nicht so rosig verlief. Spätestens wenn man in einem ärmeren Land wohnt und viele Missstände, Armut und Ungerechtigkeit sieht, relativieren sich die kleinen Unzufriedenheiten des Alltags. Das ist auch einer meiner Werte an Budapest – ich war selten so glücklich, mit so wenig und trotz einiger Verzichte und Kompromisse. Wir Deutschen leben Luxus, scheinbar. Wir sind ein sehr ängstliches, starres Volk – jedoch sind die Sicherheiten welche aus unseren harten Strukturen entstehen (zumindest im Alter) auch wertvoll keine Frage.

Hast du Ängste?
Gute Überleitung. Ich habe sehr gelernt los zu lassen. Ich habe einen tiefen Glauben im Leben. Eine meiner einzigen, ausgeprägten Sorgen ist Krankheit, Tod nichtmals.

Du kennst bestimmt das „Entweder Oder“ Spiel?

Alleine oder zu Zweit? Beides, die Frage ist das WIE
Chiller oder Stresser? Ich bin leider etwas ungeduldig aber kann auch gut abschalten
Leger oder Schick? Hier kann ich sehr konktret sagen: leger.
Lesen oder Schreiben? Würdest du mich auch fragen: hören oder sprechen?
Feierabendbier oder ein Glas Wein? Argz, es tut mir leid aber ich genieße beides.
Leise oder Laut? Eher leise aber wenn laut dann richtig.
Do it yourself oder Handwerker rufen? DIY oder die männlichen Mitbewohner.
Pommes oder Salat? Auch mal zusammen. Achte jedoch schon ziemlich auf ausgewogene Ernährung.
Sport oder doch lieber die Couch? Ich bin nie richtig sportlich geworden aber ich brauche viel Bewegung, gehe alle Wege – hier auch gern wenn möglich über Stunden.
Sneaker oder hoher Schuh? Ich besaß noch nie hohe Schuhe.
Sonne oder Regen? Nein, das romantische Bild eines Spaziergangs im warmen Sommerregen teilte ich auch nie. Regen = pfui … da kann ich auch mal aus Zucker sein.
Organisiert oder das pure Chaos? Sehr strukturiert, das brauche ich. In meinen WGs habe ich jedoch auch davon los lassen gelernt, zum Teil.
Rucksack oder Handtasche? Rucksack.
Digital oder Analog? Ich spreche mich eher dem Analogen zu.
Sommer oder Winter? Herbst & Frühling.
Das Leben genießen oder sich an einen straffen Zeitplan halten? Geht beides, muss beides.
Offline oder Online? Zu oft abrufbar.
Peter Pan Prinzip! Für immer ein Kind bleiben oder doch irgendwann erwachsen werden? In mir steckt beides und da wird sich auch nie etwas dran ändern, hoffentlich.

Hast du noch Tipps für Jungen und Mädchen die vielleicht auch einmal Fashion-Fotografen werden wollen oder sich in Richtung Design ausprobieren wollen, wie du es zur Zeit tust? Tipps wie sich diese Menschen in die Szene integrieren können?
Immer raus. Immer fragen, netzwerken, sich aus probieren. Try & Error – und wichtig: selbstkritisch. Freunde und Glaube ans Leben haben, dem Gegenüber ein Lächeln schenken oder auch mal dazu stehen blöde drauf zu sein. Authentizität – Ehrlichkeit zu sich und anderen. Für wirkliche Businesstipps musst du jedoch andere fragen. Ich könnte dich im Gegenzug auch nach Tipps und Rat fragen so scheint es mir, denn du bist eine grandiose Designerin. Das wäre vielleicht auch noch ein Punkt welcher für mich eine wichtige Lehre war: nicht vergleichen („der macht besseres Design“ ,“sie ist ja viel erfolgreicher“). Dies ist eine Branche der Talente, des Messens und der Konkurrenz. Jeder wird seinen Platz finden!

Zwei wunderbare Aufnahmen von Miriam – am liebsten würde ich sie mir ausdrucken und an die Wand hängen – ich glaube ich werde einen Deal mit Miriam vereinbaren!?

Was möchtest du deinen Fans/Followern noch mit auf den Weg geben?
Bitte sowas nicht fragen. Ich habe keine Fans!

Und möchtest du noch etwas von uns wissen oder uns etwas mit auf dem Weg geben?
Meike, bewahr dir deine positive, freundliche und offene Art – die Kommunikation mit dir war bzw. ist sehr angenehm. Ich fühle mich geehrt von guten Designern als interviewenswert beurteilt zu werden. Danke dafür! Ich werde euren Blog interessieret mit verfolgen.

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Liebe Miriam, ich danke dir für dieses wunderbare Interview. Jedes Mal, wenn ich es lese, entdecke ich Neues darin! Und danke für dieses wunderbare Kompliment – du hast es geschafft das ich rot anlief 😉
Wer genau aufgepasst hat, hat sicherlich herausgelesen, dass Pipa Peschi die nächste tolle Interview-Partnerin sein wird. Freut euch auf Sonntag!

– May

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